Handweberei "Henni Jaensch-Zeymer" Inh. Ulla Schünemann


Inhaberin Ulla Schünemann

Die Handweberei Geltow im Spiegel der Medien

Die Weber

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Wie sich ein kleines Geschäft in Geltow zum größten seiner Art entwickelte

Von der Ostseeküste bis Thüringen: In Kunstgewerbeläden der DDR waren Produkte aus der Geltower Handweberei "Henni Jaensch-Zeymer" Bückware. Nach der Währungsunion 1990 rissen die Aufträge abrupt ab. Dem Kleinod drohte der Ruin. Nur als "Aktives Museum" im Rahmen einer ABM-Maßnahme konnte es überleben. Und mauserte sich zur größten Handweberei Deutschlands. Geduckt steht das 250 Jahre alte einstige Fischerhaus neben der Kirche von Geltow (Potsdam-Mittelmark). Dahinter, in einem ehemaligen Tanzsaal, klappern die hölzernen Webstühle. "Etwa 25 haben wir. "Das älteste Stück ist etwa 300 Jahre alt", sagt Ulla Schünemann, Inhaberin des traditionsreichen Unternehmens.

Nicht nur die heute 44-Jährige war bei der Altmeisterin Henni Jaensch-Zeymer ausgebildet worden, sondern auch schon ihre Mutter. Die kam 1943 im Rahmen eines Gesellenaustausches von Hameln nach Geltow - und blieb. Sechs Jahre zuvor war hier der "Weberhof" von Jaensch-Zeymer, eine Bauhaus-Schülerin, gegründet worden. "Weil ihre Stoffe bei der Leipziger Messe 1936 einen Riesen-Anklang fanden, war ihr die Werkstatt in Rangsdorf mit nur zwei Webstühlen zu klein geworden, und sie musste sich nach größeren Räumen umsehen", erzählt Ulla Schünemann.

"Kunstschaffende des Handwerks", "Gütezeichen des Handwerks" - in der DDR war Jaensch-Zeymer anerkannt, wurde aber auch reglementiert. Um ihren Privatbetrieb zu erhalten, durfte sie nicht mehr als zehn Mitarbeiter beschäftigen. Und die hatten in erster Linie staatliche Galerien und Kunstgewerbeläden zu beliefern. Mit Meterware und Heimtextilien, aber auch Röcken, Jacken und Schals. Auch Promis von der DEFA wurden "eingewebt": Clown Ferdinand in sein berühmtes blau-weiß kariertes Hemd und die Indianer aus den Filmen "Apachen" und "Tecumseh" in Ponchos. "Doch mit der Westmark kam das Aus", erinnert sich Ulla Schünemann an die schwerste Zeit des Unternehmens, das sie 1987 von der Altmeisterin übernommen hatte. "Massenhaft wurden Läden geschlossen. Da keine Ware mehr geordert wurde, musste ich alle Beschäftigten entlassen." Nur die Meisterin und ein Lehrling machten weiter. "Du bist mein teuerstes Hobby", hätte Ulla Schünemanns Mann öfter gesagt, der als Zimmermann die Familie über Wasser hielt.

Das alte Handwerk wäre in Geltow vielleicht den Bach runtergegangen, "wäre da nicht eine engagierte Westberlinerin gekommen", sagt Ulla Schünemann. Die habe gewusst, welche Fördertöpfe wie anzuzapfen sind. Unterstützt vom Europäischen Sozialfonds, des Brandenburger Arbeitsministeriums, des Arbeitsamtes und der Gemeinde, konnte 1992 das "aktive Museum" eröffnet werden. Nicht nur als Ort für Nostalgie, sondern immer mit dem Ziel, die Produktion wieder aufzunehmen. Nun ist es geschafft. 1998 konnte Ulla Schünemann die Handweberei - klein, aber fein - wieder auf eigene Füße stellen. Heute beschäftigt sie neben vier Weberinnen auch eine Herrenmaß-Schneidermeisterin und einen Schneiderlehrling. Denn die gewebten Stoffe werden nicht nur zu Haushaltswäsche, sondern auch zu exklusiven Kleidungsstücken verarbeitet und im Laden direkt neben der Werkstatt verkauft.

Kleider, Röcke, Hosen, Hüte, Tops, Sakkos, Hemden, sogar extravagante Gehröcke gibt s nicht nur von der Stange. "Alles kann auch nach Maß angefertigt werden", sagt Ulla Schünemann. Ob natur, dezent gemustert oder auffallend bunt - der Kunde kann derzeit zwischen 300 verschiedenen Stoffen wählen. "Wird das passende nicht gefunden, weben wir auch die Stoffe nach Wunsch." Der Aufwand hat natürlich seinen Preis. "Allein das Einrichten eines Webstuhls dauert etwa eine Woche", sagt Bianca Schünemann (28), Tochter des Hauses, gelernte Weberin. So kostet ein Geschirrtuch im traditionellen Gerstenkorn-Muster 15,95 Euro, das Top 65 Euro, eine Hose 159 Euro, der Gehrock 570 Euro. "Dafür halten die Sachen ewig."

Leinen - die Schünemanns schwören drauf. Ulla trägt eine weiße gemusterte Bluse, ihre Tochter ein rotes Jäckchen über einem orangenen Top und Enkel Johannes (1) eine Kombination aus Weste und Hose in Natur. "Leinen hat die besten Trageeigenschaften, die es gibt", schwärmt Ulla Schünemann. "Es ist hautsympathisch, luftdurchlässig, strapazierfähig, unglaublich haltbar." Einziger Nachteil sei das Bügeln. Doch die Kunden nehmen das gern in Kauf. "Langsam entwickelt sich eine Stammkundschaft", freut sich Ulla Schünemann. Manches Stück made in Geltow wird auch schon in China, den USA und Australien getragen.


Artikel von Marion Klemp zitiert nach Berliner Kurier vom 19. 01. 2003